11. April 2017

Das war der 26. Deutsche Materialflusskongress 2017

Der Deutsche Materialflusskongress 2017 in Garching ist Geschichte und bot seinen Besuchern ein breites Spektrum an Innovationen und Best-Practice-Ansätzen rund um die Intralogistik. Nebst dem Besuch vielseitiger Vorträge konnte das Fachpublikum sowohl auf der eingebetteten Branchenausstellung als auch im Logistik-Showcase unmittelbar den nötigen Praxisbezug herstellen und so eigene Aufgabenstellungen vor Ort mit Spezialisten diskutieren. Nicht zuletzt aber stand das Netzwerken abseits des offiziellen Programms und während der feierlichen Abendveranstaltung im Mittelpunkt.

Materialflusskongress: Günthner übergibt den Staffelstab im Oktober

Zum letzten Mal in seiner Funktion als Ordinarius des Lehrstuhls „Fördertechnik Materialfluss Logistik“ (fml) an der Technischen Universität München, eröffnete Prof. Dr. Willibald Günthner den Materialflusskongress in Garching. Günthner, seit 1994 Mann an der Spitze des fml, wird im Oktober die Verantwortung des Lehrstuhls und somit auch die Hoheit über den Materialflusskongress vollständig an seinen Nachfolger Prof. Dr.-Ing. Johannes Fottner übergeben. Bereits seit einem Jahr agieren beide als Doppelspitze, um einen reibungslosen Übergang auf den Weg zu bringen.

Die Zeichen stehen auf Wachstum

Wie gewohnt eröffnete Günthner mit aktuellen Wirtschaftszahlen, basierend auf neuesten Daten des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), die erst kurz vor dem 26. Deutschen Materialfluss Kongress veröffentlicht worden waren. Nach dem  Zahlenkompass 2016/2017 des VDMA erreichten die deutschen Intralogistik-Anbieter 2016 ein geschätztes Produktionsvolumen von 20,8 Milliarden Euro – ein Plus von einem Prozent im Vergleich zu 2015.

Willibald Günthner eröffnet den 26. Deutschen MAterialflusskongress

Prof. Dr. Willibald Günthner eröffnet den 26. Deutschen Materialflusskongress

 

Für das Jahr 2017 werde ein weiteres Wachstum um drei Prozent erwartet. Günthner stellte heraus, dass diese Zahlen auch die Stimmung in der Branche widerspiegelten, die man derzeit als „gelassen optimistisch“ bezeichnen könne. Der Trend zur Digitalisierung in der deutschen Industrie halte an, was zum einen in den sinkenden Preisen für Robotik, zum anderen im demografischen Wandel und der damit einhergehenden älterwerdenden Arbeitnehmerschaft begründet liege. So sei es für einen langfristigen konjunkturellen Aufschwung maßgeblich entscheidend, dass die Unternehmen sich bereits heute auf die Herausforderungen der kommenden Jahre vorbereiten. Eben aus diesem Grund seien auch „Vernetzung, Automatisierung und Robotik“ als Schwerpunkt-Themen des Materialflusskongresses 2017 gewählt worden.

Künstliche Intelligenz wird die Leistungsfähigkeit des Menschen übertreffen

Die Themen Robotik und Künstliche Intelligenz (KI) nahm Prof. Dr.-Ing. Klaus Henning, Senior Advisor am Institutscluster IMA/ZLW & IfU (Zentrum für Lern- und Wissensmanagement und Lehrstuhl Informationsmanagement im Maschinenbau) der RWTH Aachen, im ersten Plenarvortrag aufs Korn. Die Zeit, in der Ingenieure genau dimensionieren könnten, was Maschinen tun, seien bald vorbei und somit auch ein seit 30 Jahren gültiges Paradigma. Nach Henning werde die KI die Vorstellung von einer Maschine grundlegend ändern. „Maschinen werden in naher Zukunft ein eigenes Bewusstsein bekommen und die Leistungsfähigkeit von Menschen übertreffen.“ Ein Zeitalter der „hybriden Intelligenz“ stehe bevor – Menschen und Maschinen würden bald in einem kollegialen Verhältnis arbeiten. Produktion und Logistik würden dabei untrennbar miteinander verschmelzen, alles werde mit allem vernetzt sein. In diesem Zuge appellierte er an Industrie und Politik, weg von der abwartenden Haltung hin zur aktiven Rolle in der Zukunftsgestaltung zu gehen. „Es kann nicht sein, dass zehn Jahre vergehen, bis eine neue und sichere Technologie freigegeben wird,“ mahnte Henning und nannte als Beispiel autonom fahrende Lkw. So werde sich auch die Aufgabe der Logistiker ändern – neue Dinge müssten durchgesetzt und gesellschaftliche Konventionen geändert werden.

Internet of Things ermöglicht neue Geschäftsmodelle

Dem Internet der Dinge (IoT) in Verbindung mit der Industrie 4.0 widmete sich Eva Zauke, VP Business Unit IoT & Digital Supply Chain bei SAP SE, im anschließenden Vortrag. „Internet der Dinge – Hype oder echter Mehrwert für Geschäftsanwendungen?“ lautete der Titel und gab gleichzeitig die Marschrichtung vor. Nach Zauke entwickle sich die Maschine-zu-Maschine-Kommunikation mit dem Internet der Dinge zu einer Vernetzung von Maschinen mit Intelligenz. Nicht reagieren, sondern vorhersagen werde dank vernetzter Technologie die Regel werden. 3-D-Druck, On-Demand-Manufactoring oder adaptive Logistik würden ganz neue Möglichkeiten bieten, Kosten zu sparen, die Kundenzufriedenheit zu steigern und ein neues Level an Wartungssicherheit zu garantieren. Die Herausforderungen des IoT sieht Zauke vor allem in heterogenen Standards. Nach ihren Erfahrungen werde man heute bei jedem IoT-Projekt mit mindestens drei unterschiedlichen Standards konfrontiert, darüber hinaus seien erarbeitete Algorithmen immer sehr szenariospezifisch und schwer bei Folgeprojekten zu adaptieren.  Dennoch ist sich Zauke sicher: Das IoT werde für Unternehmen völlig neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Diese These verbildlichte sie am Beispiel von Sportartikelherstellern, die sich durch die Aggregation von Nutzerdaten über vernetzte Sportartikel hin zum Gesundheitsdienstleister transformieren könnten.

Industrie 4.0 vs. Gesellschaft 4.0

Eine völlig andere Perspektive auf das Thema Industrie 4.0 zeigte Prof. Dr. Armin Nasseki, Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie an der LMU München. Der Kultur- und Wissenschaftssoziologe beleuchtete unterhaltsam die viel diskutierte Thematik aus dem gesellschaftlichen Blickwinkel. Nach Nasseki entwickelten sich die Menschen in gleichem Maße mit der Technologie. Parallel zu den vier industriellen Revolutionen gebe es auch vier anthropologische Revolutionen. Beim Mensch 1.0 sei die Maschine eine Erweiterung des Menschen gewesen, beim Mensch 2.0 der Mensch die Erweiterung der Maschine. Der Mensch 3.0 sei ein „unterkomplexer Bediener“ komplexer Vorgänge gewesen. Der Mensch 4.0, der sich jetzt im Zuge der vierten industriellen Revolution entwickle, sei Dirigent und Koordinator neuer Komplexitäten. So sieht Nasseki auch die Gesellschaft 4.0 nicht mehr als kausal organisiert, vielmehr sei als Grundlage der Wertschöpfung die digitale Rekombination von Elementen wichtiger als eine direktive Steuerung.

Mit dem Ende der Vortragsreihe im Plenarsaal teilte sich das Auditorium am Mittag in unterschiedliche Fachforen auf. Neben verschiedenen Themenblöcken rund um die digitale Transformation in der Intralogistik gab es in diesem Jahr erstmals auch parallel die VDI-Fachkonferenz „Innovative Intralogistik“, die den Schwerpunkt auf Intralogistik und den Handel setzte und allen Besuchern des Materialflusskongresses offenstand.

Verleihung des VDI-Studienpreis und des VDI-Innovationspreis Logistik 2017

Feierlich wurde es bei der Abendveranstaltung im Deutschen Verkehrsmuseum in München. Das Get-Together der Kongressteilnehmer wurde umrahmt von den Preisverleihungen des VDI-Innovationspreis Logistik 2017 und des VDI-Studienpreis Logistik 2017. Der Innovationspreis ging in diesem Jahr an die Magazino GmbH aus München, die die begehrte Auszeichnung für die Entwicklung des Kommissionier-Roboters TORU erhielt.

Preisträger Innovationspreis Logistik 2017: Die Magazino GmbH

Preisträger Innovationspreis Logistik 2017: Die Magazino GmbH

 

Der Studienpreis wurde erstmals unter drei Studenten aufgeteilt. „Alle drei Arbeiten waren auf einem dermaßen hohen Leistungsniveau, dass wir eine Einzelentscheidung nur aufgrund hauchdünner, formaler Gesichtspunkte hätten treffen können – und das wäre nicht im Sinne des Erfinders gewesen,“ begründete Mathias Thomas, Laudator und Geschäftsführer der Dr. Thomas + Partner GmbH & Co. KG, die Entscheidung. Die Ehrung erhielten Andreas Habl (TU München), Patrick Boden (TU Dresden) und Karl-Benedikt Reith (TU Dresden).

Die Preisträger des Studienpreis Logistik 2017

Die Preisträger des Studienpreis Logistik 2017

 

Auch der zweite Kongresstag bot eine breite Palette fachspezifischer Vorträge, diesmal mit den Schwerpunkten Best-Practice-Lösungen und Neues aus Forschung & Entwicklung. Bevor Prof. Dr.-Ing. Günthner den 26. Deutschen Materialflusskongress beendete, rundeten ein kurzer Vortrag der Innovations-Preisträger der Magazino GmbH und ein Exkurs über Ökonomie und Ethik von Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin der LMU-München das Programm der Veranstaltung gebührend ab.

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Über Andreas Plöger

Andreas Plöger

Andreas Plöger, Jahrgang 1979, hat Technische Redaktion an der HS Karlsruhe studiert und widmet sich, nach Exkursen in die technische Dokumentation und das Projektmanagement, seit einigen Jahren wieder vermehrt dem Schreiben. Zusammen mit Markus Henkel hat er die Redaktion der Intralogistik-Softwaremanufaktur Dr. Thomas + Partner in Karlsruhe aufgebaut und schreibt dort unter anderem für das Firmenblog und die Wissensplattform Logistik KNOWHOW.

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