26. Oktober 2016

Das war der Deutsche Logistik-Kongress 2016 in Berlin

Am 21. Oktober ging der 33. Deutsche Logistik-Kongress in Berlin zu Ende. Unter dem Leitsatz „Den Wandel gestalten/Driving Change“ lockte das dreitägige Branchentreffen, das als die größte Logistik-Fachkonferenz in Europa gehandelt wird, auch in diesem Jahr interessierte Besucher aus rund 40 Ländern in die Hauptstadt. Die 3.303 Teilnehmer (3.226 im Vorjahr) erwartete ein prall gefülltes Programm, das zu großen Teilen unter dem Stern der Digitalisierung stand. Die angeschlossene Fachausstellung gab zudem 180 Ausstellern (206 im Vorjahr) die Möglichkeit, sich den Branchenexperten und den 200 Fachjournalisten zu präsentieren.

Prof. Dr. Raimund Klinkner eröffnet den 33. Deutschen Logistik-Kongress

Klinkner - BVL-Deutscher-Logistik-Kongress-Berlin-2016

Prof. Dr. Raimund Klinkner – Eröffnung Deutscher Logistik-Kongress 2016, Berlin

Die Eröffnung des 33. Deutschen Logistik Kongresses oblag in gewohnter Manier Prof. Dr. Raimund Klinkner, dem Vorsitzenden des Vorstands des BVL. Bezugnehmend auf das diesjährige Kongress-Motto „Den Wandel gestalten“ schlug er die Brücke zur Wende 1989 – Wind of Change – und dem damals erwachten Berliner Gründergeist. Knapp dreißig Jahre später vollziehe sich jetzt ein ähnlich tiefgreifender Wandel für Deutschland im Zeichen der Digitalisierung: Smart Factory, Smart Company, Smart Home – und die damit einhergehende Datenkommunikation in Echtzeit. Der Faktor Zeit bei der Datenverarbeitung werde minimal, die Produktion auf dieser Basis vernetzt bis zur Auslieferung zum Kunden. Diese Entwicklung sei ein essenzieller Schritt in die Zukunft und müsse sowohl in der Industrie als auch in der Logistik bereits heute beachtet und aktiv gefördert werden.

Laut der aktualisierten Studie „Trends und Strategien“ des BVL, bei der 450 Unternehmen befragt wurden, schätzen zwar 73 Prozent der Teilnehmer die Chancen der Digitalisierung als hoch ein, jedoch etwa die Hälfte der Unternehmen will bei der Umsetzung noch die weitere Entwicklung abwarten. „Digitalen Zugang zu Kunden hat nur, wer die Spielregeln des digitalen Marktes versteht“, mahnt Klinkner. „Die Organisation von Wertschöpfung in dynamischen Netzwerken verändert den Wettbewerb grundlegend.“ Klinkner betonte, dass trotz steigender Automatisierung auch zukünftig Menschen die Logistik bewerkstelligen, der Bedarf an Arbeitskräften in der Logistik also steigen und nicht, wie oft fälschlich im Kontext der Industrie-4.0-Bewegung befürchtet, sinken werde. Allerdings würden die Anforderungen an die Qualifikationen der Arbeitnehmer steigen und die Arbeitsschwerpunkte sich teilweise verschieben, was mittelfristig einen Fachkräftemangel zur Folge haben könne.

Die These des steigenden Personalbedarfs untermauerte Klinkner mit den aktuellen Wirtschaftszahlen. So sei für 2016 mit einem Wachstum der Logistikbranche von zwei Prozent, bei einem Jahresumsatz von 260 Milliarden Euro und zirka drei Millionen Beschäftigten auszugehen. Für 2017 prognostiziert der BVL ebenfalls ein Wachstum von etwa zwei Prozent.

„Wenn wir nicht selbst gestalten, werden wir gestaltet“

Michael Ziesemer, Präsident des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektroindustrie

Michael Ziesemer, Präsident des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektroindustrie

Der Präsident des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektroindustrie, Michael Ziesemer, schlug in dieselbe Kerbe. Die Digitalisierung durchdringe den Markt mit Macht und wer sich ihr nicht stelle, werde schlicht überrollt werden. „Wenn wir nicht selbst gestalten, werden wir gestaltet“, so Ziesemer. Advanced Manufacturing, also das Nutzen neuer Technologien zur Optimierung vorhandener Prozesse, und die damit einhergehende Digitalisierung kompletter Wertschöpfungsketten sei die logische Konsequenz der aktuellen Entwicklung. Er appellierte dabei vor allem an den deutschen Mittelstand, der traditionell auf Veränderung und Innovation setze.

Die USA sieht Ziesemer in Sachen Digitalisierung einen Schritt voraus: Was in den USA digitalisiert werden können, werde digitalisiert. In Deutschland seien diesbezüglich mehr Mut und ein Wandel in der Unternehmenskultur notwendig. Dabei stelle sich nicht die Frage „Mensch oder Maschine“ sondern vielmehr sei die Entwicklung „Mensch mit Maschine“ die Zukunft, was die Arbeit produktiver, vielseitiger und letztlich auch interessanter gestalten werde. Als Zeithorizont für den Wandel prognostiziert Ziesemer die nächsten fünf bis acht Jahre. Abschließend nahm er auch die Politik in die Verantwortung. Weltweit verharre Deutschland auf Platz 22 der durchschnittlichen Bandbreite im Internet, was mittelfristig ein erhebliches Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung bedeute. Hier bestehe ein schneller Handlungsbedarf.

Offene Schnittstellen und globaler Datenaustausch sind ein muss

Oliver Zipse, Mitglied des Vorstandes bei BMW

Oliver Zipse, Mitglied des Vorstandes bei BMW

Die beiden Redner im Anschluss schilderten ihre Perspektive direkt aus dem operativen Geschäft. Oliver Zipse, Mitglied des Vorstandes und verantwortlich für die Produktion bei BMW, stellte offene Schnittstellen und eine sichere Cloud als Grundvoraussetzung für die globale Digitalisierung in den Vordergrund. Dabei sei Essenziell, dass die Daten aller am Produktionsprozess beteiligten Partner eingespeist werden können, was nur durch gemeinsame Standards erreicht werden könne. Die Automobil-Industrie sei letztlich ein Kooperationsmodell.

Joachim Drees, Vorstandsvorsitzender bei MAN SE, pflichtete seinem Vorredner bei: „Logistik 4.0 kann nur funktionieren, wenn alle Daten übergreifend genutzt werden. Erst dann generieren wir einen globalen Mehrwert.“ Als Beispiel führte er das sich bei MAN in der Entwicklung befindliche Transport-Ecosystem „RIO“ an, ein offenes, Cloud-basiertes „Betriebssystem“ für die gesamte Transportbranche. Dieses soll ab Frühjahr 2017 alle LKW-Transportdienstleister, auch unternehmensübergreifend, vernetzen. „Nur wer Daten teilt, kann auch von den Vorteilen der Digitalisierung profitieren. Wir sind überzeugt, dass dieser Austausch die Logistik auf ein neues Level heben wird.“

Auch die Politik kam beim BVL-Kongress zu Wort

Günther Oettinger, Kommissar für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft

Günther Oettinger, Kommissar für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft

Hans Christian Schmidt, Minister für Transport und Bau in Dänemark, warb für die deutsch-dänische Zusammenarbeit, die insbesondere durch den Bau des Fehmarnbelttunnels vorangetrieben werden soll. Bis 2024 soll so eine deutlich kürzere Verbindung zwischen Deutschland und Dänemark entstehen, die speziell für die Logistik weitreichende Vorteile biete.

Günther Oettinger, Kommissar für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft der Europäischen Union, attestierte den USA derzeit eine starke digitale Überlegenheit. Dies mache eine eigene deutsche Strategie für die Wettbewerbsfähigkeit von Nöten. In diesem Kontext warb er auch eindringlich für das Freihandelsabkommen TTIP. Darüber hinaus müsse Deutschland eine lückenlose Internet-Infrastruktur auf dem 5G-Standard schaffen, die eine zwingende Voraussetzung für viele Bereiche des digitalen Wandels, wie beispielsweise den „Connected Trucks“, sei. Auch müsse eine kontinentale Datenübertragung gewährleistet und geregelt werden. Dabei dürfe aber auch die die Datensicherheit nie aus den Augen gelassen werden.

Karl-Theodor zu Guttenberg, ehemaliger Bundesminister für Wirtschaft und Technologie und heutiger Chairman bei Spitzberg Partners LCC in New York, konnte seine Erfahrungen von beiden Seiten des Atlantiks in die Waagschale werfen. Er deutete kulturelle Unterschiede heraus, die dazu führten, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung noch keinen Spitzenplatz einnehmen könne. „Wenn man als Unternehmer in Deutschland etwas Neues probiert und auf die Schnauze fällt, wird man stigmatisiert. Wenn man in den USA auf die Schnauze fällt, zählt das als gewonnene Erfahrung.“ Die Denkweise und die Risikobereitschaft in den USA sei eine andere, was letztlich auch zur schnelleren Entwicklung von Innovationen führe. Speziell der deutsche Mittelstand müsse sich mehr zutrauen, seien doch viele internationale Innovationen federführend unter deutscher Beteiligung entstanden.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt erläuterte seine Pläne, eine bundesweit zuständige Autobahngesellschaft ins Leben zu rufen, um den Ausbau und den Erhalt von Bundesfernstraßen besser zu koordinieren und voran zu treiben. Auch der Feldversuch mit Lang-LKW sei positiv verlaufen und werde im nächsten Jahr in den Regelbetrieb übergehen. Zum Thema autonomes Fahren kündigte der Minister an, dass Deutschland als erstes Land das autonome Fahren in der Straßenverkehrsordnung berücksichtigen wolle.

Fachforen, Branchenmesse und Innovationspreis Logistik

Teilnehmer beim Deutschen Logistik-Preis

Teilnehmer beim Deutschen Logistik-Preis

Ein vielseitiges Programm wurde den Besuchern an allen Kongresstagen auch in diversen Fachforen angeboten, die Themen rund um die Branche beleuchteten. Change Management, Urbane Logistik, Herausforderungen der Automotive-Logistik, die digitale Supply-Chain oder Arbeitswelt 4.0 waren nur einige der Kernthemen, die von Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft diskutiert wurden. In der vortragsfreien Zeit hatten die Kongressteilnehmer zudem die Möglichkeit, auf der eingebetteten Branchenmesse Kontakte zu knüpfen und so ihr Business-Netzwerk zu erweitern.

Der Innovationspreis Logistik wurde in diesem Jahr an das Unternehmen ACGO verliehen. Der US-amerikanische Hersteller von Landmaschinen verwirklichte, in Zusammenarbeit mit der 4flow-Logistik-Beratung, eine Neudefinition der Inbound-Prozesse unter Einbeziehung von Mitarbeitern und Partnern und einer Erneuerung der IT-Infrastruktur basierend auf einer klaren Digitalisierungsstrategie.

Nach dem Kongress ist vor dem Kongress – #DLK17

Entsprechend der positiven Prognose des BVL für die deutsche Logistik im Jahr 2017, werden auch im nächsten Jahr die Entwicklungen und Trends der Branche zahlreiche Besucher nach Berlin locken. Der Termin für den 34. Deutschen Logistik-Kongress steht bereits heute fest: Er wird vom 25. bis 27. Oktober stattfinden.

 

Bildquelle: BVL

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Über Andreas Plöger

Andreas Plöger

Andreas Plöger, Jahrgang 1979, hat Technische Redaktion an der HS Karlsruhe studiert und widmet sich, nach Exkursen in die technische Dokumentation und das Projektmanagement, seit einigen Jahren wieder vermehrt dem Schreiben. Zusammen mit Markus Henkel hat er die Redaktion der Intralogistik-Softwaremanufaktur Dr. Thomas + Partner in Karlsruhe aufgebaut und schreibt dort unter anderem für das Firmenblog und die Wissensplattform Logistik KNOWHOW.

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