17. Juni 2016

Ergonomie im Lager

Ergonomie im Lager zielt auf die Anpassung und Schaffung von Arbeitsplätzen, die unter der Berücksichtigung der menschlichen Physis dem Arbeiter eine möglichst komfortable Verrichtung von Tätigkeiten ermöglicht. Dem entgegengesetzt verläuft auf den ersten Blick der Aspekt der Wirtschaftlichkeit: Die steigenden Bedürfnisse der Kunden nach schnellerer Verfügbarkeit der bestellten Produkte, schüren einen immensen Druck auf Unternehmen und ihre Arbeiter im globalen Wettbewerb. Die Berücksichtigung der Ergonomie am Arbeitsplatz wirkt sich jedoch (bspw. durch verbesserte Lichtverhältnisse, ein Hebe-Limit nach kg und abwechslungsreiche Arbeit) positiv auf den ökonomischen Aspekt aus: Die Motivation der Arbeiter steigt und sie fallen seltener krankheitsbedingt aus. Zudem können im Zuge der Lagerautomatisierung, mithilfe von Cyber-physischen Systemen, Arbeitsprozesse beschleunigt und die Mitarbeiter entlastet werden.

Auslöser für die Berücksichtigung der Ergonomie am Arbeitsplatz

  • Körper-Limit trotz erhöhter Leistungserwartung durch globalen Wettbewerb
  • Krankheitsbedingte Ausfälle durch physische Belastung
  • Demografischer Wandel
  • Anspruch an attraktive Arbeitsplätze
  • Erwartete Leistungssteigerung durch abwechslungsreiche Arbeit
  • Verantwortung der Unternehmen gegenüber seinen Angestellten

Während die Arbeitsschritte im Lager (bspw. Kommissionierung, Packerei) immer schneller verrichtet werden müssen, bleiben die menschlichen Kräfte naturbedingt limitiert. Laut dem Statistik-Portal Statista sind Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems in den Jahren 2010-2015 mit zuletzt 21,7 Prozent hauptverantwortlich für krankheitsbedingte Ausfälle. Zudem werden der demografische Wandel und der wachsende Anspruch an attraktive Arbeitsplätze in der Logistikbranche, die ergonomische Gestaltung der Arbeitsplätze zunehmend in den Fokus rücken.

Nach den Auswertungen durch Statista erwartet Deutschland ein Gesellschaftsschwund von aktuell 80.000 auf rund 65.000 Menschen im Jahr 2060. Weil es zu wenig Nachwuchs gibt, ist die Industrie auf den Einsatz älterer Arbeitnehmer angewiesen. Zusätzlich wird die junge Generation im Alter mit einem um zwei Jahre erhöhten Renteneintrittsalter von 67 Jahren rechnen müssen. Diese Tatsachen werden dafür sorgen, dass auch das durchschnittliche Alter der Arbeitnehmer steigen wird. Das stellt die Intralogistik vor Herausforderungen. So kann beispielsweise ein sechzigjähriger Mitarbeiter nicht die gleichen Wegstrecken bewältigen und nicht die gleichen Lasten stemmen wie ein dreißigjähriger Arbeitnehmer. Die Industrie benötigt Lösungen, die für jede Altersklasse und Körperkondition einen individuellen und gesunden Arbeitsablauf bereithält.

Beispiele für Ergonomie im Lager

Für die Bedienung von Regalzonen im Lager, gibt die Logistik eine sinnvolle Zuweisung für die Lagerung von Gütern vor, die je nach Gewicht, Priorität und Entnahmefrequenz eine ergonomische Entnahme durch den Arbeiter ermöglicht. Die Aufteilung eines Regals gliedert sich demnach in die Bück-, Greif-, Sicht- und die Reckzone, die sich bei der Bedienung an einem durchschnittlich großen Erwachsenen orientiert.

Weil das Lagern und Transportieren in der Intralogistik laut der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) nach wie vor zu den unfallträchtigsten Tätigkeiten gehören, hat sie Maßnahmen erarbeitet, an denen sich Unternehmen zwecks Sicherheit und Ergonomie am Arbeitsplatz orientieren können. Diese Richtlinien beinhalten zum Schutz der Arbeitnehmer und der Ergonomie an ihren Arbeitsplätzen beispielsweise die Gewährleistung von freien Verkehrswegen, die Sicherstellung von ausreichend Arbeitsplatz, gute Lichtverhältnisse und ein angenehmes Raumklima.

Weitere Vorkehrungen für die Bereitstellung eines gesunden Arbeitsplatzes sind die Reduktion von Arbeitslärm sowie die Vermeidung von unnötigen Laufwegen, die durch den Einsatz eines effizienten Materialflussrechners (MFR) erreicht werden kann. Zudem trägt die Batchbildung durch sinnvolle Auftragszusammenfassung gezielt zu einer bestmöglichen Streckenauslastung bei.

Für die physische Entlastung der Arbeiter kommen immer häufiger Cyber-physische Systeme zum Einsatz. Diese verzahnen Mensch und Maschine und führen ihre elektronischen und mechanischen Arbeitsschritte über eine Schnittstelle zusammen. Dabei soll die Tätigkeit des Arbeitnehmers soweit automatisiert werden, dass er die Maschine nicht als Bediengerät, sondern vielmehr als einen in sich geschlossenen Arbeitsprozess wahrnimmt.

Unternehmerische Verantwortung und Mitarbeiterzufriedenheit

Eine bestmögliche Berücksichtigung der gesundheitlichen Aspekte am Arbeitsplatz rückt auch den Aspekt der abwechslungsreichen Arbeitsgestaltung in den Fokus. Tätigkeiten innerhalb eines Lagers die beispielsweise das Laufen, Bücken oder das Heben schwerer Lasten erfordern, unterliegen selbst bei regulierenden Begrenzungen nach Kilogramm, Kilometern oder zeitlichem Rahmen, einer Eintönigkeit, die die Physis und die Psyche gleichermaßen belasten. Die Lösung könnte für den Mitarbeiter in der Praxis beispielsweise nach der Absolvierung eines Drei-Kilometer-Laufweges, einen Arbeitsplatzwechsel zu einer sitzenden Tätigkeit hin bedeuten.

Um der Verantwortung der Unternehmen gegenüber ihren Mitarbeitern im Lager gerecht zu werden, kann ein Leitstand helfen, die Aufgaben ergonomisch zu planen und zu verteilen.

Weiterführend gibt Ihnen der Artikel Die Materialflusssteuerung als Dienstleistung für ein Distributionszentrum Aufschluss darüber, wie die Warenströme in der Intralogistik im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit auf schnellstem Wege durch das Lager geschleust werden.

Teaserbild: Lesconvoyeurs (Lizenz: CC-BY-SA-4.0)

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Über TUP - Redaktion

TUP - Redaktion

Die Redaktion der DR. THOMAS + PARTNER GmbH & Co. KG hat die Plattform Logistik KNOWHOW ins Leben gerufen, administriert und koordiniert die Beiträge und erstellt selbst Inhalte zu verschiedenen Kategorien. Die Software-Manufaktur DR. THOMAS + PARTNER aus dem Raum Karlsruhe realisiert seit über 35 Jahren maßgeschneiderte Intralogistik-IT-Systeme, mit speziellem Fokus auf die Bereiche Lagerverwaltung und Materialfluss. Zu den namhaften Kunden zählen nationale und internationale Unternehmen unterschiedlicher Größe und Branche.

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2 Kommentare

  • Ergobasis GmbH
    2016-11-15 10:51

    Hallo TUP-Redaktion,
    danke für diesen ausführlichen Artikel. Leider wird Ergonomie am Arbeitsplatz oft nur für sitzende Tätigkeiten im Büro als Notwendigkeit wahrgenommen. Dabei sind „gesunde“ Bewegungsabläufe und ergonomisch gestaltete Wirkungsstätten gerade da „wo schwer gehoben wird“ unerläßlich.
    Wie erwähnt fordern wachsender Wettbewerb und eine immer älter werdenden Belegschaft, die sich mit einem voraussichtlichen Renteneintrittsalter von 67+ konforntiert sieht, der Belegschaft immer mehr ab. Umso wichtiger ist ein Arbeitsplatz, der entlastet und damit Produktivität und Motivation steigert.
    Die Investition in ergonomische Arbeitsplätze macht sich in jedem Fall für Arbeitnehmer und -geber bezahlt.

    Ggf. wäre für die Leserschaft noch ein Folge-Beitrag interessant, der die wichtigsten Parameter wie Arbeitshöhe, Blickwinkel zu Monitoren, Einsatz von Stehhilfen, Höhenverstellung, etc. thematisiert.

    Ergonomische Grüße aus Mainfranken,
    das Team Ergobasis

    • Andreas Plöger
      2016-11-15 11:37

      Liebes Team von Ergobasis,
      vielen Dank für euer Feedback und die Ideen. Das Thema ist in der Tat sehr aktuell und umfänglich. Wir werden einen Folgeartikel in unsere Beitragsplanung mit aufnehmen.
      Gerne bauen wir auf Infos von Profis, solltet Ihr zum Thema aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse teilen wollen, freuen wir uns auf eure Expertise.

      Viele Grüße
      Andreas Plöger

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