Komplexitätskosten – Zwei Seiten einer Medaille?

Komplexitätskosten

Wer kennt nicht die legendäre Aussage von Henry Ford, “any customer can have a car painted any colour that he wants so long as it is black”. Wie sehr hat sich seitdem die Welt gewandelt, von Verkäufermärkten zu Käufermärkten? Kunden stellen immer höhere Anforderungen an Produkte. Die Ausdifferenzierung (Customizing) bei zahlreichen industriell gefertigten Produkten ist exponentiell gestiegen, damit sind mitunter die großen Leistungen in Logistik und Supply Chain Management in Bezug auf Kostensenkung stark kompensiert worden. Aber liegen die Dinge so einfach? Schauen wir näher hin, mit der Brille des SC-Managers.

Komplexitätskosten = Kostentreiber „Komplexität“?

Die hohe Variantenzahl (Variantenvielfalt) von Produkten erzeugt zweifelsohne hohe Komplexitätskosten in der relevanten Supply Chain. So hat beispielsweise die Beschaffung höhere Einkaufskosten und höhere Prozesskosten durch zusätzliche Lieferanten, geringere Bestellmengen und niedrigere Mengenrabatte pro Artikel. Die Fertigung hat Mehrkosten durch Schaffung von flexiblen Herstellungsverfahren (Stichwort: One-Piece-Flow), höhere Rüstzeiten pro Artikel und daher höhere Rüstkosten pro Variante. Die Logistik, speziell die Intralogistik, ist beispielsweise mit höheren Beständen, insbesondere Sicherheitsbeständen, aufgrund der kleineren Mengen an SKU (stock keeping units) konfrontiert. Systemisch betrachtet hat die Supply Chain indirekt Mehrkosten durch die rasant zunehmende Variantenvielfalt zu bewältigen, da die Losgrößen pro Variante immer kleiner werden. Diese – teilweise – nicht direkt dem Produkt zurechenbaren Komplexitätskosten werden in der einschlägigen SCM-Literatur als „indirekte Komplexitätskosten“ bezeichnet. Gibt es Werkzeuge gegen die steigenden Komplexitätskosten in der Supply Chain?

Werkzeug „Gleichteileverwendung“ im SCM – Eine Seite der Medaille

Zweifelsohne gibt es zahlreiche Werkzeuge gegen das Steigen der Komplexitätskosten infolge steigender Variantenvielfalt, beispielsweise Postponement, Supply Chain Contracting oder auch Gleichteileverwendung. Durch die Verwendung von Gleichteilen – bereits in der Produktentwicklung und in der Produktkonstruktion – kann ein Teil dieser Komplexitätskosten vermieden werden. Gleichteile sind Komponenten, die in mehreren Varianten eingesetzt werden können und somit zu einer Reduktion der Komplexitätskosten beitragen können (Thonemann). Auf den Punkt gebracht kann man sagen, dass die Vielfalt der Produktstruktur nicht im gleichen Maße steigt wie die Variantenvielfalt, wenn man Gleichteile gezielt gegen die zunehmende Komplexität einsetzt!

Die Kehrseite der Medaille von Gleichteileverwendung

Durch die Verwendung von Gleichteilen können somit die Prozesskosten in zahlreichen Abschnitten der Supply Chain gesenkt werden. Andererseits ist jedoch zu beachten, dass durch die Verwendung von Gleichteilen in Forschung und Entwicklung jedoch zusätzliche Kosten entstehen können: Gleichteile sind meist teurer als speziell auf jede Variante angepasste Materialien. Gleichteile müssen per definitionem ein sehr breites Spektrum an Funktionen erfüllen, müssen zahlreichen Anforderungen gerecht werden. Aus meiner Consultingpraxis kenne ich das Phänomen, dass Manager oft nur die Mehrkosten der Komplexitätszunahme sehen, nicht jedoch die Mehrkosten der Komplexitätsreduktion (Thonemann, Bretzke, Gudehus, Ihde).

Auch Einfachheit kostet

Somit sind wir im SCM– welch Überraschung – wieder in einem Zielkonflikt. Durch den vermehrten Einsatz von Gleichteilen bereits in der Produktentwicklung können die Prozesskosten in der Supply Chain gesenkt werden. Die Gleichteile jedoch sind ihrerseits wiederum – aufgrund der höheren und breiteren Anforderung an die Materialien und Teilekonstruktion – teurer als die jeweilige spezielle Variante. Dadurch ergibt sich ein klassisches Optimierungsproblem: Es gilt daher, das optimale Maß an Gleichteilen zu bestimmen, das in einer Familie von Produktvarianten eingesetzt werden sollte (Thonemann).

Wir können auch sagen: Nicht nur Komplexität kostet, auch Einfachheit kostet (E. Kurzmann).

Weitere Informationen zu Kosten im SCM finden Sie unter “Die Kosten nicht genutzter Chancen im Supply Chain Management

 

Bildquelle © Willowbl00, Lizenz: (CC BY-SA 4.0)

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Ernst Kurzmann (http://www.ernstkurzmann.at)
Ernst Kurzmann ist Dozent in den Fachgebieten Internationalisierung, Logistik und Supply Chain Management. Er ist überdies Master of Business Administration (FIBAA-Akkreditierung) und jahrzehntelanger Wirtschaftstrainer und Consultant in Österreich mit Spezialisierung auf statistische und mathematische Berechnungen in Logistik & Supply Chain Management. Seine berufliche Erfahrung hat Ernst Kurzmann bei renommierten Unternehmungen, wie z.B. Unilever, Alcatel oder PepsiCo gesammelt. Seit 20 Jahren ist er selbstständig und hat vor einem Jahr im renommierten Frankfurter Allgemeine Buch Verlag sein Sachbuch "Supply Chain Management. Wie Sie mit vernetztem Denken im 21. Jahrhundert überleben" publiziert, das sich u.a. zu einem Bestseller in diesem Bereich entwickelt hat.

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