Was kann die Logistik leisten?

Was kann die Logistik leisten?

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Begriff „Logistik“ zu einem Allgemeinbegriff entwickelt. Das ist gut so. Aber nicht so gut ist, dass „Logistik“ – insbesondere in den Medien – vielfach falsch verwendet wird und in manchen Unternehmen für alle möglichen Vorkommnisse missbraucht wird. Somit ist es höchst an der Zeit etwas Licht ins Dickicht der Sprachverstümmelung zu bringen. Wir wollen auch nicht den Fehler begehen sogenannte „Was-Fragen“ zu stellen, also Fragen nach dem „Wesen“ einer Sache oder eines Gegenstandes, z.B. „Was ist Logistik“. Denn Fragen nach dem Wesen eines Begriffs bringen uns weder wissenschaftlich noch in der Praxis voran. Wir fragen zu allererst: Worin liegen die Leistungen der Logistik oder anders ausgedrückt:

Logistik und ihre Leistungen

Logistische Leistungen sind in einem weiteren Sinne immer Verbesserungen auf dem Gebiete der Versorgungsumwelt von Systemen. Solche Systeme können Unternehmungen, Non-Profit-Organisationen, Verkehr, Krankenhäuser, Haushalte etc. sein. Diese Systeme benötigen physische Versorgungen um existieren zu können. Die physische Versorgungsleistung wird in erster Linie über Informationen gesteuert. Somit ist die physische und informatorische Versorgungsleistung eine der wesentlichen logistischen Leistungen auf einer sehr abstrakten Ebene.

Worin liegen die Einzelleistungen der Logistik, insofern sie vom jeweiligen „Kunden“ wahrgenommen oder als Wert anerkannt sind? Diese Einzelleistungen der Logistik betreffen – in der Regel – einige typische und wesentliche, die im Folgenden kurz angeführt werden:

  • Lieferzeit
  • Liefertermintreue
  • Lieferfähigkeit
  • Lieferqualität
  • Lieferflexibilität
  • Lieferversorgungssicherheit
  • Liefertransparenz

Eines kann aber schon hier gesagt werden, dass die Einzelleistungen der Logistik in einem interdependenten Zusammenhang stehen. Beispielsweise ist eine kurze Lieferzeit mit einer hohen Liefertermintreue konfliktär. Jeder Leistungswert der Logistik steht mit den anderen Leistungswerten in einer bestimmten Beziehung. Diese Beziehungen müssen nicht nur konfliktär sein, sie können ebenso unterstützend und in manchen Situationen relativ neutral sein.

Die Steigerung der logistischen Leistung

Sollen nun die Einzelleistungen verbessert werden, dann kann man die o.a. Punkte verkürzt so darstellen.

  • Verkürzung der Lieferzeit
  • Erhöhung der Lieferfähigkeit
  • Erhöhung der Lieferqualität
  • Erhöhung der Lieferflexibiltät
  • Verbesserung der Versorgungssicherheit
  • Verbesserung der Liefertransparenz.

Alle Verbesserungen in einem logistischen System, gehen jedoch einher mit notwendigen Maßnahmen, die entweder höheren Einsatzkosten (Input = Kosten) bedingen oder in einem Abtausch (Trade-Off) von Lieferleistungswerten.

Logistik und das ökonomische Prinzip – Leistung und Kosten

Wenn wir vom theoretischen Fall ausgehen, dass in einem Unternehmen alles optimiert ist, dann ist eine Verbesserung einer Einzelleistung nur mit der Verschlechterung einer anderen Einzelleistung möglich (paretooptimaler Zustand) oder die Kosten für die Einzelleistung steigt. Das ist die wesentliche Prämisse des Wirtschaftlichkeitsprinzips (ökonomisches Prinzip). Mit anderen Worten: Leistungen können maximiert werden bei gegebenen Kosten oder bei gegebenen Leistungen können die Kosten minimiert werden. Somit ist „die Logistik“ eine zutiefst wirtschaftliche Disziplin, auch wenn in der Praxis häufig umfangreiche technische und informatorische Kenntnisse notwendig sind.

Anhand der obigen Definition des Wirtschaftlichkeitsprinzips kann man bereits erkennen, wie weit der theoretische Begriff von der Praxis entfernt ist.

In meiner 30jährigen Praxis habe ich noch keinen einzigen Fall vollständiger Optimierung kennengelernt. Diese vollständige Optimierung nennt man in der ökonomischen Fachwelt Pareto-Effizienz (Pareto-Optimum). Ein Zustand ist dann paretoeffizient, wenn kein einziges Element des Systems verbessert werden kann ohne nicht zumindest ein anderes Element schlechter zu stellen.

Die „Slacks“ der Praxis

In der Praxis ist weder ein Unternehmen in einem statischen Zustand, noch gibt es irgendeine Möglichkeit, das ein System, das sich in einer dynamischen Umwelt befindet jemals paretoeffizient ist. Die Pareto-effizienz ist lediglich ein theoretisches Konstrukt und kann im besten Falle als Arbeitshypothese dienen oder als Leitidee zur Verbesserung des Systems oder Teile des Systems. Die Kehrseite der Leistungssteigerung ist immer ein Steigen von Kosten, die nicht ausschließlich logistische Kosten betreffen muss. Diese fundamentale Grundannahme der vollständigen Optimiertheit eines unternehmenslogistischen Systems ist  – in weiteren Beiträgen gezeigt werden wird – fern der Realität. Somit sind gerade die „Slacks der Praxis“, also die „Durchhänger der Praxis“ mithin die Ursache für Verbesserungen sowohl der Leistungs- als auch der Kostenseite.

Weitere Informationen zu der Geschichte der Logistik finden Sie unter “Es war einmal…: die Anfänge der Logistik und Intralogistik“.

 

Bildquelle: © JiSIGN – Fotolia.com

 

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Ernst Kurzmann (http://www.ernstkurzmann.at)
Ernst Kurzmann ist Dozent in den Fachgebieten Internationalisierung, Logistik und Supply Chain Management. Er ist überdies Master of Business Administration (FIBAA-Akkreditierung) und jahrzehntelanger Wirtschaftstrainer und Consultant in Österreich mit Spezialisierung auf statistische und mathematische Berechnungen in Logistik & Supply Chain Management. Seine berufliche Erfahrung hat Ernst Kurzmann bei renommierten Unternehmungen, wie z.B. Unilever, Alcatel oder PepsiCo gesammelt. Seit 20 Jahren ist er selbstständig und hat vor einem Jahr im renommierten Frankfurter Allgemeine Buch Verlag sein Sachbuch "Supply Chain Management. Wie Sie mit vernetztem Denken im 21. Jahrhundert überleben" publiziert, das sich u.a. zu einem Bestseller in diesem Bereich entwickelt hat.

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