Logistiker und der freie Markt

Logistiker und der freie Markt

Die Kernaufgabe der Logistiker besteht in der Schaffung der optimalen Versorgungsumwelt von – allgemein gesprochen – Systemen unter wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.  Konkret bedeutet das, dass zahlreiche Prozesse in der Lieferkette effizienter und effektiver aufgestellt und gestaltet werden. Dazu gehören – naturgemäß – auch Rationalisierungsmaßnahmen, die mitunter bedingen können, dass an einem konkreten Arbeitsplatz auch einige Mitarbeiter ihren aktuellen Job verlieren. Es mag menschlich verständlich sein, dass die betroffenen Mitarbeiter den Logistiker als Ursache und Grund für die eigene Arbeitslosigkeit zu erkennen wissen. Aber nicht nachvollziehbar ist die Tatsache, dass – in der Praxis – professionelle Logistiker ein schlechtes Gewissen haben, dass sie – angeblich – diese Arbeitsplätze vernichtet haben sollten. Warum?

Die schöpferische Zerstörung

Es wird allzu leicht vergessen, dass unsere konkrete Arbeit in einem übergeordneten Rahmen zu sehen ist. Dieser Rahmen, von dem ich hier spreche, ist der Markt und die Marktwirtschaft als Ordnungsrahmen. Der Markt mit seinem Preismechanismus sorgt dafür, dass knappe Güter in jene Sektoren, Sparten und Teile der Wirtschaft und Gesellschaft geleitet werden, in denen die Produktionsmittel (Arbeit, Kapital) die größten Früchte tragen. Diese Früchte sind typischerweise die Renditen von Arbeit und Kapital. Damit ist die Allokationsfunktion des Marktes angesprochen. Der Logistiker mit seinen wirtschaftlich notwendigen Rationalisierungsmaßnahmen und Rationalisierungsinvestitionen sorgt dafür, dass gerade an jenen Stellen der Leistungskette angesetzt wird, wo die größten zu erhoffenden Renditen warten. Dies ist sein Auftrag und der Auftrag letztlich jedes Beteiligten in der Wertschöpfungskette. Gesamtwirtschaftlich und auch gesamtgesellschaftlich schafft der Logistiker mit seinen Lösungsansätzen und Lösungen einen Mehrwert. Die durch Rationalisierungen frei werdenden Arbeitskräfte können somit in Zukunft für rentablerer Teile des gesamtwirtschaftlichen und gesamtgesellschaftlichen Verbundes eingesetzt werden. Der große Ökonom, Joseph Alois Schumpeter, hat in diesem Zusammenhang treffend von „schöpferischer Zerstörung“ gesprochen: Fortschritte in Wirtschaft, Technik und Gesellschaft sind ohne das Zurücklassen von unrentablen Teilen der Vergangenheit nicht möglich. Die „schöpferische Zerstörung“ findet in unseren Gesellschaften täglich statt. Ohne sie gäbe es die großen technologischen Errungenschaften wie z.B. das Internet nicht.

Schnellere Pferde

Jedem scheint es klar zu sein, dass Anfang des 20. Jahrhunderts beim Aufkommen des Automobils die Pferdekutschenbesitzer in Bedrängnis kamen. Freilich haben die meisten Pferdekutschenbesitzer durch das Aufkommen des Automobils ihren Job verloren und freilich blieben sie nicht dauerhaft arbeitslos. Denn die Herstellung des Automobils hat mit Sicherheit mehr Arbeitsplätze geschaffen, als dass dies je Pferdekutschen können hätten und das bis zum heutigen Tage.
Henry Ford hat einmal treffend gemeint: Hätte ich die Kunden der Pferdekutschenbesitzer gefragt, was sie sich wünschen, dann wäre die Antwort gewesen: Schnellere Pferde. Auch dies beweist, dass die Visionen und die  Kreativität von Unternehmern und Unternehmungen im Rahmen unserer freien Marktwirtschaft unverzichtbar für den Fortschritt und für den Wohlstand sind. Wir neigen zu sehr die Dinge zu eng zu sehen. Unser konkreter Arbeitsplatz ist Teil eines großen Verbundes und Teil einer – wie Max Weber treffend sagte – umfassenden Verschlungenheit des Marktes und der Gesellschaft.

Nur Bäume

Logistiker müssen in der Praxis mit viel mehr Selbstsicherheit und ohne falsche Gefühlsduselei auftreten: Es muss das Bewusstsein entwickelt werden, dass ihre Verbesserungen in der Lieferkette, ob nun kostenmäßig oder leistungsmäßig, einen Fortschritt für die Lieferkette darstellt und dass jede Verbesserung der Lieferkette letztlich eine Verbesserung der gesellschaftliche Kooperation bedeutet.  Wer nur den konkreten Arbeitsplatzverlust einer konkreten Person im Momentanzustand zu sehen imstande ist, ergeht es wie der Person, die vor lauter Bäume den Wald nicht mehr sieht. Logistiker sind somit aufgefordert sich deutlich mehr mit dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmen zu beschäftigen und ihre Arbeit und ihre Leistung in Bezug auf diesen Rahmen, der Marktwirtschaft, zu sehen.

Einen weiteren Beitrag über den Logstiker finden Sie unter “Logistiker der Zukunft” – Supply Chain Manager.

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Ernst Kurzmann (http://www.ernstkurzmann.at)
Ernst Kurzmann ist Dozent in den Fachgebieten Internationalisierung, Logistik und Supply Chain Management. Er ist überdies Master of Business Administration (FIBAA-Akkreditierung) und jahrzehntelanger Wirtschaftstrainer und Consultant in Österreich mit Spezialisierung auf statistische und mathematische Berechnungen in Logistik & Supply Chain Management. Seine berufliche Erfahrung hat Ernst Kurzmann bei renommierten Unternehmungen, wie z.B. Unilever, Alcatel oder PepsiCo gesammelt. Seit 20 Jahren ist er selbstständig und hat vor einem Jahr im renommierten Frankfurter Allgemeine Buch Verlag sein Sachbuch "Supply Chain Management. Wie Sie mit vernetztem Denken im 21. Jahrhundert überleben" publiziert, das sich u.a. zu einem Bestseller in diesem Bereich entwickelt hat.

2 Kommentare

These – Antithese – Synthese

 

Ja, die Logistik ist gerade massiv von der Digitalisierung und Automatisierung betroffen. Arbeitsplätze werden damit wegrationalisiert. Der Effekt wird dadurch verstärkt, dass Logistik firmenintern gerne als Kostenfaktor und außerhalb der Kernprozesse gesehen wird.
Die parallel dazu neu entstehenden Aufgaben sind so EDV-nahe, dass sie Gekündigten kaum Trost sein können.
Gut für die Logistik ist aber, dass die steigende Verflechtung der Kommunikationsströme eine einseitige Konzentration auf den Kostenaspekt kaum mehr argumentierbar macht.
Das gibt uns Logistikern die Chance, als wertvolle Leistungserbringer aufzutreten und auch so wahrgenommen zu werden.

 

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