9. Oktober 2018

Gastbeitrag: Shoppingcenter als Logistik-Point der Zukunft?

Können aus Feinden doch noch Freunde werden? Bisher war die Beziehung zwischen stationärem Einzelhandel und E-Commerce eher angespannt. Keine Frage: Der Onlinehandel hat den lokalen Handel abgehängt und sicherlich einen Teil zum Ladensterben beigetragen. Doch dieser Wettkampf setzt auch bislang ungeahntes Potenzial frei. Etwa wenn immer wieder neue Player auf der letzten Meile auftauchen, wie zum Beispiel in Gestalt von Shoppingcentern. Sie bündeln vielfältige Angebote und Dienstleistungen unter einem Dach und bieten damit Kunden einen großen Mehrwert, denn diese können dort auf kurzen Wegen eine Vielzahl an Besorgungen erledigen. Einkaufszentren und der Versandhandel haben also im Grunde dasselbe Ziel: Dem Kunden möglichst viel Bequemlichkeit bieten, gleichzeitig Käufer und Händler so schnell und einfach wie möglich zusammenbringen.

Schon allein unter diesem Aspekt haben Shoppingcenter als Anlieferungsstelle für private Pakete Sinn. Paketdienste profitieren ebenfalls von dieser Lösung, da sie dieselben Lieferwege gleichzeitig sowohl für geschäftliche als auch private Sendungen nutzen können, wodurch die zahlreichen oft vergeblichen Fahrten zu Privathaushalten entfallen. Für die Empfänger ergibt sich wiederum der Vorteil, mehrere Erledigungen auf einmal erledigen zu können: Einkäufe und Paketabholen liegen damit nicht nur auf demselben Weg, sondern sind tatsächlich am selben Ort möglich. Im wahrsten Sinne naheliegend, da die Verteilung von Shoppingcentern in Deutschland sehr hoch und eine gute Erreichbarkeit gegeben ist. So überrascht es ein wenig, dass noch im vergangenen Jahr das Ende der Wachstumschancen dieser Einkaufstempel prophezeit wurde. Als maßgebliche Ursache wurde der E-Commerce genannt.

Shoppingcenter: im Ansatz gut, in der Ausführung ausbaufähig

Umso wichtiger ist es jetzt für die Betreiber, diesen Ort neu zu denken und mit neuen Serviceangeboten aufzuwerten. So folgen inzwischen vereinzelte Händler dem Beispiel, zumindest ähneln sich die Konzepte, von Amazon (siehe Video) und etablieren in und vor ihren Märkten Paketkasten-Systeme – meist jedoch mit gewissen Abstrichen. Dazu gehört unter anderem die Drogeriekette dm, die seit diesem April gemeinsam mit ParcelLock Paketabholstationen in Hamburg testet. Kunden können sich ihre online bestellte Ware in einen der Schränke liefern lassen und zeitlich flexibel abholen – jedoch nur, wenn der Onlinehändler über einen der ParcelLock-Partner versendet, also Hermes, DPD, GLS, Liefery oder GO!. Ein weiterer Wermutstropfen: Die Abwicklung von Retouren ist über die Paketschränke nicht möglich. Der Vorteil für die Händler allerdings liegt auf der Hand: Jeder Internet-Shopper kann beim Abholen seiner Bestellung als potenzieller Kunde für den stationären Handel angesprochen und dadurch gewonnen werden.


Zudem haben einige Einkaufszentren einen Anlieferungsservice für Privatpakete in ihr Portfolio aufgenommen. Der Nachteil ist jedoch auch hier, dass das Angebot meist auf einzelne Paketdienstleister beschränkt ist – in diesem Fall auf die Posttochter DHL. Im Ansatz ist die Idee also schon ganz gut, aber in der Praxis noch ausbaufähig. Das Ziel ist eine frei zugängliche, Paketdienst-unabhängige Lösung. Dafür muss zum einen ein geeigneter Platz gefunden und zum anderen geklärt werden, wer inhouse auf den allerletzten Metern (letzte Meile) für die Sendungen zuständig ist. Ist das alles geregelt, sind die Synergieeffekte für Händler und Betreiber nicht mehr von der Hand zu weisen, zumal diese Paketstation von den stationären Händlern auch als Abholpunkt für Click&Collect-Ware (siehe Cross-Channel) genutzt werden kann.

Paketstation in Polen - die letzte Meile muss flexibel werden um diese zu entlasten.

Paketstation in Polen: eine Entlastung für die letzte Meile.

Vorsichtige erste Schritte oder doch schon eine kleine Revolution?

Deshalb sollten insbesondere die Betreiber von Shoppingcentern dieses Angebot als Chance sehen, nicht mehr länger nur der Bereitsteller von Verkaufsflächen (siehe auch Flächenrentabilität) zu sein, sondern noch aktiver in Richtung Kunde zu gehen und dessen Shopping-Convenience weiter zu steigern. Paketschränke sind an sich ideal, denn durch sie ist eine hohe Flexibilität bei Abholung und Retouren gegeben. Jedoch nur, wenn die Systeme geöffnet und von allen Paketdiensten nutzbar sind. Solch einen offenen und öffentlich zugänglichen Paketschrank gibt es tatsächlich seit Juni dieses Jahres im Einkaufszentrum LAGO in Konstanz am Bodensee. Dieser wird bislang noch im Testbetrieb erprobt, daher fällt er mit 22 Fächern noch relativ klein aus. Die Resonanz der Kunden, die den kostenfreien Service testen, sei bereits nach den ersten Monaten sehr positiv, zumal auch Retouren über den Schrank zurückgesendet werden können, wie der Betreiber des Shoppingcenters berichtet. Da für diesen neuen Service die Werbetrommel noch nicht groß gerührt wurde, kam es allerdings auch schon vor, dass vereinzelt Fächer zum Lagern von Einkaufstaschen verwendet wurden.

Dennoch nimmt das Shoppingcenter damit eine klare Vorreiterrolle ein und steigert mit diesem Serviceangebot die eigene Attraktivität. Der Betreiber sieht neben den positiven Effekten für alle Beteiligten auch eine klare Zukunftsvision der Shoppingcenter, die zunehmend für Kunden und Besucher zu Logistik- beziehungsweise Distributionszentren würden. Großer Vorteil für die Empfänger sind die in der Regel langen Öffnungszeiten der Center – und damit die Zugangszeit zu den Schränken. So ist dieser Schritt gar nicht so unspektakulär und vorsichtig, wie er zunächst wirken mag. Tatsächlich könnten Serviceangebote dieser Art schon bald in Einkaufszentren salonfähig werden. Die Kapazitäten sind noch längst nicht ausgeschöpft, das Ende der letzten Meile noch nicht in Sicht. Und Konzepte wie diese machen Hoffnung, dass das Ziel nicht mehr allzu weit entfernt ist.

Quelle Paketbox: Kai Kowalewski Kowa / CC BY-SA 3.0

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