24. April 2019

Produktion, Versand und Intralogistik: der Eilauftrag

Ein Eilauftrag ist ein Auftrag – in der Produktion, im Versand oder in der Intralogistik – der wegen diversen Gründen schneller beziehungsweise kurzfristiger erfüllt werden muss als es seine gewöhnliche Durchlaufzeit (siehe auch Auftragsdurchlaufzeit) vorsieht. Eilaufträge kann es sowohl seitens der Fertigung geben als auch seitens des Versands. Während bei ersterem die Frage zu beantworten ist, wie man schneller produziert in Koordination mit laufenden regulären Aufträgen, ist bei letzterem relevant, wie man einen Artikel schneller, als in der Regel vorgesehen, aus dem Lager zum Kunden transportieren kann.

Eilauftrag – Definition

Eine allgemeine Definition für den Begriff Eilauftrag lautet beispielsweise folgendermaßen:

Ein Eilauftrag ist ein Auftrag, der eine sehr hohe (extern vergebene) Priorität besitzt. Eilaufträge werden im Rahmen der Durchführung gegenüber anderen Aufträgen mit niedriger Priorität vordringlich bearbeitet.

Lexikon der Fertigungsleittechnik / Uwe Meinberg, Frank Topolewski

Eilauftrag in der Produktion

Während im E-Commerce die Endverbraucher das Maß und den Bedarf an Eilaufträgen prägen, so ist es in der industriellen Produktion die Abhängigkeit unter Herstellern und deren Kunden sowie Lieferanten, die durch einen großen Anteil an Eilaufträgen geprägt ist. Die konkrete Zeitspanne (siehe auch cut-off-Zeit), wann es sich um einen Eilauftrag handelt variiert von Betrieb zu Betrieb und von Branche zu Branche, es lässt sich aber feststellen, dass sich die Zeitspanne in den letzten Jahren immer weiter verkürzt.
Die Kommunikation zwischen Kunde, Hersteller und Lieferant ist bei Eilaufträgen wichtiger als bei herkömmlichen Aufträgen. Der Kunde und somit Auftraggeber fragt beim Hersteller einen Eilauftrag an; dieser koordiniert den Eilauftrag wiederum mit seinem Lieferanten; aufgrund der Zeitknappheit müssen die Anforderungen und Fristen schnell und verlässlich festgelegt werden; dies gewährleistet sowohl die reibungslose Zusammenarbeit zwischen Hersteller und Lieferant als auch die Produktion beim Hersteller und Lieferanten selbst, wodurch die fristgerechte Erfüllung des Eilauftrags ermöglicht wird.

Eilaufträge wirken sich auch auf die Fehlertoleranz aus. Wer in Eile produziert, erhöht auch die Wahrscheinlichkeit auftretender Fehler, was die Kundenzufriedenheit trotz pünktlicher Lieferung nicht steigert, sondern sinken lässt.
Es gibt zahlreiche individuelle, theoretische Lösungsansätze, wie Eilaufträge am besten in eine laufende Produktion integriert beziehungsweise wie ihre Machbarkeit und Rentabilität geprüft werden können; oft wird dabei mit Simulationen gearbeitet. Einen allgemeinen Ansatz bietet die Engpasstheorie (Theory of Constraints), aus deren Sichtweise ein Eilauftrag wie folgt definiert ist:

The planned amount by which the available capacity exceeds current productive capacity.

Die Theory of Constraints (TOC, auch Engpasstheorie oder Durchsatzmanagement) geht davon aus, dass der Durchsatz (Leistungsfähigkeit) eines Systems nur von einem einzigen Faktor bestimmt wird, welcher als Engpass bezeichnet wird. Von diesem Engpass aus werden alle vorgeschalteten und nachkommenden Prozesse optimiert; eine Prozessoptimierung kann also nur erfolgreich sein, wenn sie übergreifend das Gesamtsystem betrifft und den Engpass immer als Ausgangspunkt nimmt. Vom Engpass ableitend kann bestimmt werden, ob ein Eilauftrag durchführbar ist und wie sehr er den regulären Ablauf anderer Aufträge stören würde.

Eilauftrag im Versand

Die Verbreitung des E-Commerce und das einhergehende Bestellverhalten haben enorm zu einer Veränderung der Erwartungshaltung der Kunden geführt, insbesondere bezüglich der Frist zwischen Bestellung und Lieferung. Kunden sind immer weniger bereit, länger auf etwas zu warten, dass sie quasi mit nur einem Klick innerhalb von Sekunden bestellt haben. So gilt es für jeden Händler abzuwägen, ob er Eilaufträge als Versandoption (siehe auch same day delivery) anbietet und auch, was das für ihn genau bedeutet. Eilaufträge anzubieten birgt gewisse Vor- und Nachteile:

Vorteile

  • Kundenzufriedenheit: In der Regel lassen Kunden Bestellungen als Eilauftrag abwickeln, wenn sie die Ware schnellstmöglich benötigen. Kann man diesen Kundenwunsch erfüllen, dann steigt die Kundenzufriedenheit.
  • Kundenbindung: Zufriedene Kunden bestellen erneut, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass der Service zuverlässig ist. Nach wie vor ist es günstiger, Kunden zu binden als neue dazuzugewinnen.
  • Umsatzsteigerung: Stimmt die Rentabilität der Eilauftragsoption, dann wird auch der Umsatz steigen, da man Eilaufträge erfüllt, was nicht jeder Versandhändler tut.

Nachteile

  • Herausfordernde Abwicklung: Einen Eilauftrag abzuwickeln ist eine logistische Herausforderung. Kommissionieren, Verpacken und Versenden – alle Prozessschritte müssen in einer viel kürzeren Zeit durchgeführt und die Priorität des Eilauftrags muss durch alle betroffenen Ebenen hinweg kommuniziert werden.
  • Hohe Kosten: Eilaufträge kosten sowohl intralogistisch als auch logistisch mehr.
  • Bindet Kapazitäten: Wird eine Eilauftrags-Option angeboten, dann bindet sie große Kapazitäten im (Handels-)Unternehmen, die für andere Bereiche fehlen und dementsprechend vernachlässigt werden.

Eilauftrag in der Intralogistik

Intralogistisch bedeutet ein Eilauftrag immer eine kürzere Durchlaufzeit; des Weiteren ist ein Eilauftrag, wie oben beschrieben, stets mit größeren Kosten verbunden. Im Prozessablauf führen Eilaufträge zu Verdrängungsmechanismen, da sie zwangsläufig Umdispositionen zur Folge haben. Da ein Eilauftrag wichtiger ist als andere ‚normale‘ Aufträge, schließlich wird ihm eine höhere Priorität zugewiesen, kann es passieren, dass der ein oder andere Regelauftrag nicht fristgerecht erfüllt werden kann. So ist hervorzuheben, dass Eilaufträge immer auf Kosten von etwas anderem gehen; im schlimmsten Fall wird der komplette Ablauf aller anderen Nicht-Eilaufträge gestört und durcheinandergebracht; im eher günstigen Fall wird beispielsweise lediglich die Batch-Kommissionierung gestört und die Optimierung des Vorgangs behindert. Dies gilt sowohl für händische, also von Arbeitern ausgeführte Prozesse, als auch für maschinelle, automatisierte Abläufe. Bildlich gesprochen drängen sich Eilaufträge in einer bereits bestehenden Warteschlange aus Regelaufträgen vor und stören dadurch den reibungslosen Ablauf oder machen ihn sogar unmöglich.

Basierend auf unternehmensseitigen Erfahrungswerten ist es zwar möglich, bestimmte Ressourcen für Eilaufträge freizuhalten und freizumachen, doch unterliegt diese Option keinerlei Garantie beziehungsweise Planungssicherheit. Um diese ansatzweise zu erreichen werden im Rahmen sogenannter Service Level Agreements klare Regeln aufgestellt, wann ein Eilauftrag noch angenommen und erfüllt werden kann. So kann zum Beispiel ein Händler für Autoersatzteile Eilaufträge in Form einer 24h-Lieferung annehmen und erfüllen, wenn die Bestellung der Autowerkstatt bis zwölf Uhr mittags eingeht.

Zusammenfassung Eilauftrag

Eilaufträge haben eine kürzere Durchlaufzeit, als die dafür vorgegebene übliche Durchlaufzeit. Die kürzere Durchlaufzeit resultiert aus einer extern vergebenen Priorisierung. Eilaufträge sind kostenintensiver und führen zu Verdrängungsprozessen bei anderen Aufträgen und Vorgängen. Die disruptiven Auswirkungen von Eilaufträgen auf intralogistische Abläufe lassen sich teilweise durch Service Level Agreements abfedern, aber nicht vollständig verhindern. Deshalb ist es insgesamt, aus Unternehmenssicht, wichtig, ein gesundes Verhältnis zwischen Regelaufträgen und Eilaufträgen zu haben.

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