Microfulfillment – Definition und Überblick

Microfulfillment beschreibt die dezentrale und zudem kundennahe Ausführung von Prozessen wie Lagerhaltung über Kommissionierung, Verpackung und Warenausgang bis zum Versand in viel kleineren Räumlichkeiten als bei üblichen Fulfillment-Centern, Distributionszentren und Lägern. Microfulfillment ermöglicht einerseits eine schnellere Belieferung der Kunden und ist andererseits ein Lösungsansatz für die Herausforderungen der letzten Meile, die mit Abstand der teuerste Teil des Lieferwegs ist. Die oft hochkompakten Lösungsansätze für Microfulfillment-Prozesse, haben das Ziel die Integration in Innenstädten oder bestehenden Ladenflächen zu vereinfachen. Die Zunahme an Microfulfillment-Lösungen geht einher mit der Zunahme des E-Commerce, der Anbieter von Lebensmittel- und Essenslieferangeboten und der Kundenerwartungen bezüglich der Lieferzeit bestellter Ware.

Abgrenzung zwischen Fulfillment und Microfulfillment

Kundennähe und Dezentralität sind zwar relative, aber dennoch wichtige Kriterien, um Microfulfillment zu definieren. Eine klare Abgrenzung, ab welcher Flächengröße man von Microfullfillment spricht, gibt es jedoch nicht. Grob lässt sich sagen, dass die entsprechenden Räumlichkeiten von rund 50m² bis über 1000m² reichen können und dass es sich ab 2000m² bis 3000m² einfach nur um herkömmliche, kleinere Fulfillment-Center handelt, die es schon lange gibt. Infrastrukturelle Unterschiede zwischen einzelnen Regionen und Ländern führen auch zu einer unterschiedlichen Sichtweise, was schon als Microfulfillment bezeichnet werden kann. Während in Europa Microfulfillment in der Regel auf einer Fläche zwischen 100-600m² und einem dementsprechenden Umsatz von bis zu fünf Millionen stattfindet, so bezeichnet man in den USA noch Verteilzentren und Ladengeschäfte bis 3000m² und einem Umsatz von 30 Millionen als Microfulfillment-Center. Klarer einordnen lässt sich der Begriff aber durch die unterschiedlichen Anforderungen an Software und intralogistische Prozesse im Vergleich zu klassischen Lägern und entsprechendem Fulfillment.

Wo und in welchen Branchen wird auf Microfulfillment gesetzt?

Durch das Kriterium der Kundennähe finden sich Microfulfillment-Lösungen unabhängig von Branchen und Warengruppen immer dort, wo auch Menschen beziehungsweise viele Menschen leben, also vor allem in urbanen Gebieten. Darüber hinaus sind, sowohl im städtischen als auch im ländlichen Raum, insbesondere Waren für Microfulfillment prädestiniert, die so schnell wie möglich zum Kunden geliefert werden müssen wie beispielsweise Lebensmittel, frisch zubereitetes Essen und Pharmaprodukte, also Medikamente.

Was gehört zum Microfulfillment?

In erster Linie benötigt man geeignete Räumlichkeiten, die als Lager dienen oder Lagerfunktionen übernehmen. Die Bestände dieser Läger müssen dann in ein übergeordnetes System (ERP, WWS, OMS) integriert werden, um Onlinebestellungen entsprechend erfüllen zu können. Ebenso muss der Versand entsprechend organisiert sein mit klassischen KEP-Dienstleistern oder lokalen Transportunternehmen/Kurierdienstleistern. Die Automatisierung bestimmter Prozessschritte und Abläufe muss auch anders gelöst werden als in einem klassischen großen Fulfillment-Center. Aus diesen unterschiedlichen Prozessherausforderungen lassen sich drei Typen an Microfullfilment ableiten:

  • Klassisches Fulfillment: Ein typisches Lager mit herkömmlichen Funktionaltäten, allerdings in urbaner Umgebung und in deutlich kleinerer Ausführung (weit unter einer Fläche von 2000m²).
  • Stationäres Fullfillment: Stationäre Ladengeschäfte werden eingebunden in das Fulfillment von beispielsweise Online-Shops beziehungsweise -Marktplätzen, wo Bestellungen getätigt und zur kundennahen Erfüllung an die Läden weitergegeben werden.
  • Nanofulfillment: Auch ultra-schnelle Lieferung genannt; wird vor allem bei Lebensmitteln sowie Medikamenten eingesetzt. Bei diesem Typ besitzen und kontrollieren die Anbieter die gesamte Prozess- und Lieferkette. Dazu können Immobilien, Software und eine Kurierflotte gehören, also von der Lagerhaltung und (Weiter-)Verarbeitung bis zur eigentlichen Lieferung.

Herausforderungen im Microfulfillment

Je nach Typ stellen sich unterschiedliche Herausforderungen in der Umsetzung, die es zu bewältigen gilt. Dazu gehören:

  • Daten und Prozesse müssen bei jedem Standort übergeben werden, um die verteilten Gesamtbestände zu optimieren
  • Die Kapitalbindung ist hoch und muss dementsprechend optimiert werden
  • Eine Vielzahl an Anbindungen ist erforderlich wie zum Beispiel alle Standorte und diverse Transport- und Kurierdienstleister
  • Idealerweise werden lokale Kurierdienste eingebunden, da große KEP-Dienstleister keine Point-to-Point Logistik anbieten
  • Bei stationären Läden müssen die ERP– beziehungsweise Warenwirtschaftssysteme am Point of Sale integriert werden
  • Ebenso müssen in Ladengeschäften die intralogistischen Prozesse optimiert werden, da eine Ladenfläche tendenziell so konzipiert ist, dass Kunden länger verweilen, während Lagerflächen auf eine kurze Verweildauer und schnelle Abläufe ausgelegt sind
  • Aus beiden zuvor genannten Punkten folgt die Optimierung von Wegen und Bestandsmanagement, Stichwort Echtzeitbestand
  • Beim Nanofulfillment kommt noch die Optimierung von Routen, Transport und Vorhersagbarkeit von Bestellungen hinzu, die mittels Software erreicht wird, die es teilweise schon gibt oder fallbezogen neu entwickelt werden muss

Interessant zu wissen: Wird innerhalb einer Stadt ein Paket mit einem klassischen KEP-Dienstleister verschickt, dann wird es nicht direkt vom Versender zum Besteller transportiert. Stattdessen wird es erst in ein großes Verteilzentrum (in der Regel außerhalb der Stadt) und dann erst (meist am nächsten oder übernächsten Tag) wieder in die Stadt zur Lieferadresse gefahren. Kleine, lokale Kurierdienste dagegen transportieren Waren direkt vom Versender zum Besteller, point-to-point.

Ökologische Aspekte des Microfulfillment

Durch Microfulfillment werden Lieferwege kürzer, wodurch beim Transport weniger CO2 ausgestoßen wird. Tendenziell sind dadurch auch weniger Lieferfahrfahrzeuge auf der Straße, was vor allem die innerstädtische Infrastruktur entlastet. Durch die Einbindung lokaler Transport- und Kurierdienste wird im urbanen Raum der direkteste und kürzeste Weg vom Versender zur Lieferadresse ermöglicht.

Vorteile von Microfulfillment

Jenseits der Vorteile für Endkunden wie eine kürzere Lieferzeit und den ökologischen Vorteilen durch die Minderung des CO2-Ausstoßes und der Entlastung lokaler Infrastrukturen gibt es auch konkrete Vorteile für Unternehmen, um eine Microfulfillment-Strategie zu etablieren:

  • Große Logistikzentren aufzubauen sind sehr aufwändige, kostspielige Projekte, die sehr lange bis zur Inbetriebnahme brauchen. Microfulfillment-Standorte lassen sich dagegen schneller und flexibler starten.
  • Bei stationären Geschäften ist die Flächenproduktivität des Microfulfillment-Bereichs höher als die des Verkaufsbereichs. Dementsprechend lohnt es sich, Ladenflächen zu teilen und sie partiell in Lagerflächen umzuwidmen.
  • Flächen in der Stadt werden attraktiver und günstiger, da auch der Platz für große Zentren auf dem Land immer rarer und teurer wird.
  • Technologien – Hardware wie Software – zur Automatisierung von Microfulfillment waren vor wenigen Jahren noch nicht verfügbar, sind jetzt aber vorhanden und werden immer weiter entwickelt.

Zusammenfassung

Im Gegensatz zu großen Verteilzentren bieten Microfulfillment-Lösungen eine größere Kundennähe, kürzere Lieferwege und kürzere Lieferzeiten. Insbesondere Branchen und Warengruppen mit schnelldrehenden Artikeln sind für Microfulfillment geeignet. Die Ausformungen reichen dabei von sehr kleinen Lägern über stationäre Ladengeschäfte bis zu Unternehmen, die die gesamte Prozesskette besitzen und kontrollieren. Eine exakte Definition des Begriffs ist nicht möglich, allerdings gibt es verschiedene Kriterien, die ihn doch sehr eingrenzen. Dazu gehören Kundennähe, Dezentralität und eine viel geringere Fläche. Darüber hinaus sind auch die Software- und Hardwarelösungen für das Microfulfillment sehr spezifisch und unterscheiden sich deutlich von den Anforderungen an klassische Fulfillment-Center. Microfulfillment umfasst nicht nur unternehmens- beziehungsweise betriebswirtschaftliche Aspekte, sondern hat auch ökologische und infrastrukturelle Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben.